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Gesundheitswesen

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Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias - 22.01.2012

Gottes Gnade und Friede sei mit euch allen! Amen.

Der Predigttext steht im 2. Königebuch, Kapitel 5. Es ist die Geschichte eines mächtigen, aber sehr kranken Mannes: Naaman, der Aramäer:

1 Naaman, der Feldhauptmann des Königs von Aram, war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und wert gehalten; denn durch ihn gab der HERR den Aramäern Sieg. Und er war ein gewaltiger Mann, jedoch aussätzig. 

So beginnt die Geschichte Naamans. Es ist eine Geschichte vom Umgang mit einer schweren Krankheit - Aussatz. Ich habe in dieser biblischen Geschichte viele Muster gefunden, die sich auch in unserem Umgang mit Krankheiten heute, fast 3000 Jahre später, noch widerspiegeln. Trotz allen medizinischen Fortschritts: wir sind die selben geblieben. Unser Umgang mit Krankheit und Schmerzen hat sich nur unwesentlich verändert.

Aussatz - was war das eigentlich für eine Krankheit, an der Naaman litt? Wahrscheinlich handelte es sich um Lepra, die als solche auch heute noch bekannt ist; es ist aber auch möglich, dass es eine andere schwere Hautkrankheit war, die mit den Künsten der damaligen Mediziner nicht zu heilen war; Aussatz war ein Sammelbegriff für verschiedenste Leiden. 

Naaman war dadurch gezeichnet. Und er gelangte an einen Punkt, an dem er, der mächtige Feldhauptmann, auf einmal völlig machtlos war. Schwere Krankheiten können uns so macht- und hilflos machen. Wir merken auf einmal, dass wir gar keine Strategie haben, wie wir damit umgehen sollen. Wir geraten in eine Krise. Wir sind wie ausgeliefert. So ging es Naaman. Wie erging es ihm weiter? Lesen wir die nächsten Verse:

2 Aber die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau Naamans. 3 Die sprach zu ihrer Herrin: Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien. 

Das kennen Sie auch: Da hat jemand einen heißen Tipp für Sie: „Geh doch mal zu dem und dem! - Hast Du es schon mal beim Heilpraktiker versucht? - Ein Arzt in Österreich hat da was herausgefunden!“ Manchmal ist ein Tipp hilfreich. Aber oft kann man es auch einfach nicht mehr hören. Weil man das Gefühl hat, ich hab doch schon alles ausprobiert.

Bei Naaman ist die Lage noch mal komplizierter: Von einem Sklavenmädchen aus Israel kommt der Tipp. Eine, die eigentlich allen Grund hätte ihn zu hassen. Den Mann, dessen Soldaten sie von ihren Eltern weggerissen hatten, verschleppt, verkauft, wie eine Sache. Und: es ist ein religiöser Tipp. Wie: soll ich jetzt fromm werden, und das soll mich gesund machen?

Wie gehen Sie mit solchen Tipps um? Und was würden Sie sagen, wenn jemand Sie mit Ihrer Krankheit an Gott verweist? Naaman geht auf diesen Tipp ein. Ob er so verzweifelt war, dass er sich an diesen letzten Strohhalm klammerte? Oder ob es ihn überzeugte, dass dieses arme Sklavenmädchen, das für ihn im Grunde nur Verachtung empfinden musste, sich so für sein Leiden interessierte? Wie dem auch sei: Naaman geht darauf ein, wie wir jetzt weiter lesen:

4 Da ging Naaman hinein zu seinem Herrn und sagte es ihm an und sprach: So und so hat das Mädchen aus dem Lande Israel geredet. 5 Der König von Aram sprach: So zieh hin, ich will dem König von Israel einen Brief schreiben. 

Ein weiterer interessanter Aspekt vom Umgang mit unseren Krankheiten: Wir lassen Beziehungen spielen. Naaman geht zu seinem König, der ist mächtig, der öffnet ihm die Türen: Naaman wird Privatpatient. Und ein bisschen erinnert es auch an die Bürokratie: Da wird erst einmal ein Brief geschrieben, damit ich überhaupt behandelt werde. So viel hat sich in 3000 Jahren gar nicht geändert!

Naamans Krankheit wird zu einem diplomatischen Problem: Ausgerechnet bei dem Erzfeind Israel soll er Heilung suchen? Der aramäische König bemüht sich sehr um einen treuen Diener und Kriegsmann, er lässt die Beziehungen spielen und lotet die Möglichkeiten aus. Und noch in anderer Hinsicht stattet er Naaman gut aus, hören Sie: 

Und er zog hin und nahm mit sich zehn Zentner Silber und sechstausend Goldgulden und zehn Feierkleider 6 und brachte den Brief dem König von Israel; der lautete: Wenn dieser Brief zu dir kommt, siehe, so wisse, ich habe meinen Knecht Naaman zu dir gesandt, damit du ihn von seinem Aussatz befreist. 

Aha: auch die Kasse muss stimmen! Ich fühle mich erinnert an unser Gesundheitswesen, wo es nicht in erster Linie um die Menschen geht, sondern um das Geld. Das scheint immer das Hauptproblem zu sein. Das wird sich der König von Aram auch gedacht haben, und darum gibt er Naaman ein kleines Vermögen mit. 

Heilung kostet was. Wir werden noch sehen, dass das nicht unbedingt so sein muss. Und wir wissen aus Erfahrung: Gesundheit kann man nicht kaufen. Auch die teuerste Operation und das kostspieligste Medikament versagt bisweilen. Naaman ergeht es erfreulich anders: der wird sein Geld nicht los und wird trotzdem geheilt. Aber so weit sind wir noch nicht. Es geht  zunächst weiter im Text:

7 Und als der König von Israel den Brief las, zerriss er seine Kleider und sprach: Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht! 

Der König von Israel holt Naaman runter auf den Boden der Tatsachen: es gibt sie nicht, die Götter in weiß! Man kann sich Gesundheit nicht kaufen! Er zerreißt seine Kleider als Zeichen für sein Entsetzen über dieses gotteslästerliche Anliegen, dass er den Aussatz heilen soll.

Zugleich bringt der König etwas zur Sprache, was wir heute vergessen oder verdrängt haben: Dass Gesundheit ein Gottesgeschenk ist. Dass wir nicht über sie verfügen können. Und dass Gott das so macht mit uns, wie er es für richtig hält. Gott ist in seinem Handeln souverän - unabhängig. Er lässt sich nicht vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hätte.

Aber Gott hat seine Leute überall, und er hat Naaman schon längst gesehen und ist entschlossen ihm zu helfen; hören Sie:

8 Als Elisa, der Mann Gottes, hörte, dass der König von Israel seine Kleider zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: Warum hast du deine Kleider zerrissen? Lass ihn zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist. 9 So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. 

Elisa, der Prophet - der Bote des Gottes Israels. Für ihn gehört das Heil und die Heilung ganz eng zusammen, die Seele und der Leib, die Botschaft und die Therapie. Er ist nicht nur der Verkündiger des Wortes Gottes; er betet auch um Heilung für den Körper und zeigt so, dass Gott beides wichtig ist: Das Heil und die Heilung. 

Das haben wir heute auseinander gerissen: Die Kirche hat sich weitgehend zurückgezogen und die Mediziner ein Stück weit allein gelassen. In der katholischen Kirche gibt es immerhin noch die Krankensalbung; aber meist wird sie nur als letzte Ölung praktiziert, dann, wenn eine Heilung so gut wie gar nicht mehr in Betracht gezogen wird. In der evangelischen Kirche wird die Krankensalbung und das Gebet unter Handauflegung für die Kranken fast gar nicht mehr praktiziert. Warum eigentlich? Weil wir glauben, dass Heilkunst nur eine Wissenschaft ist - die Medizin, die Heilkunde beschäftigt sich mit dieser Kunst.

Und dennoch gibt es Christinnen und Christen, die überraschende Erfahrungen mit dem Gebet für die Kranken gemacht haben; die Krankensalbung und Handauflegung für die Kranken praktizieren, ohne die ärztliche Kunst zu verachten; und die erleben, wie Gott kranken Menschen Heilung und Heil schenkt. 

Sehen wir zu, was Elisa tut und sagt:

10 Da sandte Elisa einen Boten zu Naaman und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. 11 Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. 12 Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn. 

Naaman ist enttäuscht und wütend: Baden kann ich auch zuhause! Er hat ein bestimmtes Bild im Kopf, wie so eine Wunderheilung ablaufen müsste: Zumindest müsste der Heiler mal aus seiner Hütte rauskommen - was denkt der eigentlich, wen er vor sich hat, dass er nicht mal grüßt? Schickt seine Hiwis raus! Bitte: Ich bin ein hohes Tier, ich wünsche Chefarztbehandlung! Und dann müsste er natürlich den Gottesnamen anrufen, und die Hände müssten zum Tempel hin erhoben werden, alles genau nach Plan! Was denkt der Elisa sich eigentlich? Sieben mal im Jordan waschen? Das ist doch wohl ein Witz!

Naaman braucht es ein bisschen geheimnisvoll, esoterisch! Und da ist er auf der Höhe unserer Zeit, sozusagen: Warum kommen tausende nach Alsfeld, um von einem brasilianischen Spiritisten die Show gemacht zu bekommen? Weil er genau dieses Bedürfnis nach Esoterik, nach dem Geheimnisvollen, nach dem Religiösen befriedigt. Ich sage: Der springt genau in die Lücke, in das Vakuum, das die Christen hinterlassen haben, weil sie nicht mehr für ihre Kranken beten und ihnen nicht mehr die Hände auflegen. Und natürlich nutzt er schamlos die Not kranker Menschen aus für ein Riesengeschäft.

Elisa ist kein Magier. Er ist kein Esoteriker. Er ist ein Bote Gottes. Bei seinen Heilungen gibt es zwei Dinge nicht: erstens keine Esoterik: keine feste Methode, keine Zauberformel, kein Ritual. Weil Gottes Handeln unverfügbar ist, weil Gott nicht in eine Methode gepresst werden kann. Immer wenn Ihnen so genannte Heiler so kommen, mit ihren Methoden, mit ihren festen Formeln, dann sollten sie hellhörig werden. Dann haben Sie es vermutlich mit Esoterik zu tun und nicht mit dem Geist Gottes. Wenn da so gemurmelt und gemauschelt wird und keine klaren Worte gesprochen werden, sollten sie hellhörig werden - Gottes Boten jedenfalls sagen klar und deutlich, was geschieht.

Und etwas zweites gibt es bei Elisa nicht: Er verlangt kein Geld. Das erfahren wir ein paar Verse weiter im Text. Wenn Ihnen jemand spirituelle Heilung verspricht, aber sie dafür zur Kasse bittet, können Sie sicher sein, dass es nicht Gottes Geist ist, der da am Wirken ist. „Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebt es auch,“ hat Jesus gesagt, und das ist eine biblische Linie, die sich schon hier in dieser alttestamentlichen Geschichte abzeichnet. Heilung ist ein Gottesgeschenk, und Geschenke verkauft man nicht!

Natürlich haben Sie auch Ihre Vorurteile, wenn ich Ihnen jetzt was von Wunderheilungen im Namen Gottes erzähle. Sie wären auch skeptisch, so wie Naaman, wenn ich Ihnen sage: bitten Sie doch ein oder zwei Christenmenschen, denen Sie vertrauen, dass sie für Ihre Heilung beten und Ihnen die Hände auflegen. Sie wären genau so skeptisch wie Naaman, der sieben Mal im Jordan baden sollte. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, was das bringen sollte. Und Sie haben auch Ihre Not, sich vorzustellen, wie Gott Ihnen Heilung bringen könnte. Bei Naaman waren es seine Diener, einfache Menschen, die ihn wiederum auf die richtige Fährte brachten:

13 Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! 14 Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben und er wurde rein. 15 Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel.

Einfach eine logische Überlegung: probiere es doch einfach aus, das, was Gott dir durch seine Boten sagen lässt! Probiere es doch einfach aus! Siebenmal untertauchen - er tut es, und er erlebt das Wunder der Heilung, das Gottesgeschenk. Eigentlich ist das Wunder ganz schnell erzählt. Typisch Gott: er macht kein großes Aufhebens um seine Heilungen. Die geschehen eher unspektakulär. Nicht in der Hessenhalle vor 5000 Menschen. In einer einsamen Gegend am Jordan vielmehr. Ohne eine Lichterscheinung und Offenbarung und Stimme vom Himmel, einfach durch das Untertauchen. Normales Wasser, keine Weihe nötig und keine Zauberformel. Typisch Gott.

Naaman hat noch etwas anderes erfahren: „Siehe nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel.“ Naaman ist zum Glauben gekommen an den Gott Israels. Heilung und Heil gehört zusammen, wie wir schon gesehen hatten! Freilich ist sein Glaube noch sehr einfach strukturiert, und er denkt noch immer in den Zusammenhängen seines alten, magischen Gottesbildes: Er will zum Beispiel ein paar Schubkarren voll Erde mit nach Hause nehmen, weil er meint, dass Götter immer an ein bestimmtes Land gebunden sind. Ist das nicht niedlich? Dabei hat diese biblische Geschichte doch so begonnen - ich weiß nicht, ob Ihnen dieses Detail aufgefallen ist: „Durch Naaman gab der HERR den Aramäern Sieg.“ Also: Gott hat Naamans Leben schon im Blick gehabt, bevor der seinen Tripp nach Israel machte. 

Gott hat sein Leben in der Hand - das ist vielleicht das Wesentliche an dieser ganzen Geschichte. Das ist eine Wahrheit, die mich auch dann trägt, wenn ich einmal an der Krankheit erkranke, an der ich sterben soll. Einmal gibt es keine Heilung mehr. Einmal muss ich den letzten Weg gehen, den wir alle gehen müssen. Aber auch dann gilt unumstößlich: Gott hat mein Leben in der Hand, denn er will viel mehr als nur meine Heilung: Er will mein Heil. Umfassendes, ewiges Heil; Frieden mit mir selbst und mit Gott; Vergebung von Schuld und Heilung von inneren Verletzungen; Dankbarkeit und Zufriedenheit auch in schweren Zeiten; Heil, das ist viel mehr als nur gesund zu sein. Heil, das kann ich auch sein, wenn Gott die Krankheit nicht wegnimmt. Gott hat mein Leben in der Hand - ja, das ist für mich die frohe Botschaft dieser biblischen Geschichte aus alter Zeit. Darauf können wir uns verlassen. Amen.

© Pfarrer Henner Eurich

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