Worauf es ankommt
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- Geschrieben von Henner Eurich
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Predigt am Sonntag Septuagesimae - 5. Februar 2012
Gottes Gnade und Friede sei mit euch allen! Amen.
Der Predigttext für diesen Sonntag steht bei Jeremia im 9. Kapitel:
22 So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. 23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR. (Lutherbibel)
Ich weiß nicht wie es Ihnen geht - dem ersten Teil dieses kurzen Abschnittes aus dem Buch Jeremia kann ich mich voll anschließen. Die Intelligenz, die Mächtigen, die Reichen - ganz recht: die sollen sich bloß nicht rühmen, die sollen sich bloß nichts einbilden. Denn, das weiß ich ja als Christ: Das ist alles vergänglich.
Das zählt alles letztlich nichts. Was wird aus meiner Weisheit, meiner Intelligenz, wenn ich durch einen Unfall, durch einen Schlaganfall oder durch Demenz meine geistigen Kräfte verliere? Was wird aus meiner Macht, wenn ich abgewählt werde, wenn sich andere von mir abwenden, wenn ich meinen Posten, mein Amt, meinen Beruf verliere? Was wird aus meinem Reichtum, wenn die Finanzkrise zu mir durchschlägt, wenn die Ehe in die Brüche geht, wenn ich schwer krank werde und mir mein Geld nicht helfen kann?
Ja: Ich kann das alles voll bejahen: Intelligenz, Macht und Reichtum ist nichts, worauf man sich allzu viel einbilden sollte. Dessen muss man sich nicht rühmen, denn man kann es furchtbar schnell wieder verlieren. Ich glaube auch, je höher man auf dieser Leiter steigt, desto größer wird die Angst. Arme Leute brauchen keine Alarmanlagen und keine Bodyguards.
Natürlich könnten wir heute auch wieder mit den Fingern zeigen auf die Reichen, die Mächtigen, die Weisen und ihnen vorhalten, dass die Barmherzigkeit, das Recht und die Gerechtigkeit bei ihnen zu kurz kommt. Ganz so wie Jeremia, der den Weisen, Mächtigen und Reichen seiner Tage das Gericht Gottes angekündigt hat.
Wir könnten so manchen Reichen sagen: Schön, dass es euch so gut geht - aber wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn ihr euren Reichtum an der Steuer vorbei in den sicheren Hafen bringt? Wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn hohe Gewinne erwirtschaftet werden auf dem Rücken von Menschen in Entwicklungsländern, die für Hungerlohn und unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen für unseren billigen Konsum produzieren?
Und wir merken schnell, wenn wir so mit dem einen Finger auf „die Reichen“ deuten, dass drei Finger auf uns selbst zeigen. Denn wir sind auch Nutznießer von diesen weltwirtschaftlichen Zusammenhängen. Unsere T-Shirts und Jeans und Schuhe würden ein Vielfaches kosten, wenn die, die sie herstellen, vernünftig bezahlt würden. Unser Kaffee und unsere Südfrüchte würden ein Vielfaches kosten, wenn die Menschenrechte derjenigen, die sie herstellen, geachtet würden. Unser Fleisch und Wurst müsste viel teurer sein, wenn die Tiere unter einigermaßen natürlichen Bedingungen gehalten würden. Und so weiter - Sie und ich, wir hängen da mit drin und haben keinen Grund, auf andere zu zeigen, auf „die Reichen“. Eher zu fragen: Wo bleibt die Gerechtigkeit, und was kann ich tun, damit ein Stück mehr Gerechtigkeit auf dieser Erde umgesetzt wird? Das wird am ersten Freitag im März beim diesjährigen Weltgebetstag der Frauen das Thema sein.
Wir können natürlich den Mächtigen sagen: Schön, dass ihr so viel Einfluss habt - aber wo bleibt das Recht? Wenn Russland und China mit einem Veto verhindern, dass in Syrien den Menschen wirksam geholfen wird - so etwas macht mich aggressiv, aber zugleich auch hilflos. Wo bleibt das Recht, wenn Politiker sich von Wirtschaftsleuten sponsern lassen? Das Recht bleibt auf der Strecke, je mehr Macht im Spiel ist.
Und natürlich auch hier: drei Finger zeigen auf mich selbst. Wo habe ich denn so etwas wie „Macht“? Halte ich mich als Vater, als Mutter gegenüber meinen Kindern immer an das „Recht“, an die Regeln? Oder ist es nicht so, dass ich für mich andere Regeln rausnehme als für meine Kinder? Es sind so Kleinigkeiten, an denen mir das bewusst wird, wenn ich zum Beispiel selbst mit den Straßenschuhen im Haus rumlaufe, aber meine Kinder dazu anhalte, Hausschuhe zu tragen - und wenn es auch zehnmal stimmt, dass meine Schuhe sauberer sind, weil ich nicht auf dem Spielplatz und auf dem Rasen war. Recht und Macht - das ist eine schwierige Konstellation. Es ist wohl immer so: sobald wir etwas Einfluss und Macht haben, ist die Versuchung da, das Recht zu beugen.
Schließlich können wir natürlich den Weisen sagen, den Wissenschaftlern und Professoren und Lehrern: Es ist toll, was ihr alles so rausfindet über die Entstehung der Welt, über das Leben, über das Klima, über die Krankheiten und ihre Behandlung. Aber ist es nicht so: die Barmherzigkeit bleibt auf der Strecke. Es werden nur solche Krankheiten erforscht, bei denen ich davon ausgehen kann, dass mit den Medikamenten auch Gewinn zu machen ist. Wenn nur ein paar Hunderttausend Menschen in einem Entwicklungsland daran leiden, dann ist das uninteressant für die Wissenschaft. Und schön, wenn sich die Intelligenz unseres Landes ein Bildungssystem wie das unsere ausdenkt. Aber letztlich, das ist ja kein Geheimnis, profitieren davon vor allem die, denen es gut geht, die sozial besser gestellt sind. Von der Weisheit, von der Intelligenz, von der Wissenschaft profitieren die ärmeren, sozial schwächeren am wenigsten. Das ist nicht barmherzig und, wie ich finde, auch ungerecht.
Wieder zeigen die drei Finger zurück auf mich: Wie gehe ich mit meinem Wissen um? Ich kann damit auch andere erschlagen, denen mal zeigen, wie es geht, denen mal was vormachen. In den Bereichen, wo ich es besser weiß, lass ich gern mal jemand anders dumm dastehen. Oder? Barmherzig ist das auch nicht.
So wird der erste Teil dieses Predigttextes nicht dazu herhalten können, mit dem Finger auf die Intelligenz, die Mächtigen, die Reichen zu zeigen. Vielmehr muss ich mich selbst fragen, wie ich mit meinem Wissen, meinem Einfluss, meinem Besitz umgehe.
Jeremia rief die Menschen zur Umkehr auf: Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.
Weil Wissen, Macht und Reichtum alleine, damals wie heute, nicht nur gute Früchte tragen, sondern vielfach das Leben zerstören, darum setzt Gott sein Programm daneben: Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Ein Wissen ohne Barmherzigkeit, eine Macht ohne Recht und ein Reichtum ohne Gerechtigkeit wird das Leben zerstören. Aber da, wo Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit im Spiel sind, kann das Leben gelingen.
Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin.
Gott zu kennen - das hat ganz praktische Folgen, weil ich mir dann ganz anders Gedanken darüber mache, wie ich mit meinem Wissen, mit meinem Einfluss und mit meinem Besitz umgehe. Gott zu kennen - das verändert mein Leben, mein Verhalten, mein Denken, Reden und Tun.
Interessant wird es, wenn ich mir diesen „Typen“, den Jeremia hier zeichnet, mal konkret vorstelle: also einen, der sich „rühmt“, den Herrn zu kennen. Wir würden vielleicht sagen: der damit angibt, dass er fromm ist. Wenn die anderen ihre Trümpfe ausspielen: „Meine Intelligenz. Mein Einfluss. Mein Geld.“ dann gibt dieser Typ nicht kleinbei, sondern mutig trumpft auch er auf: „Mein Gott!“
Dieser Typ ist jemand, der seinen Glauben praktiziert, aber der auch über seinen Glauben spricht, der das nicht nur im Verborgenen, im stillen Kämmerlein tut, sondern es auch proklamiert. Der bewusst seine Themen dagegenhält, wenn es wieder nur um Reichtum, Einfluss, Wissen geht - dann mal den Mund aufzumachen und Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit ins Gespräch zu bringen - und den Gott beim Namen zu nennen, der für diese Werte steht.
Ich möchte Sie ermutigen, dass Sie offensiver über Ihren Glauben reden und Ihre christlichen Werte zeigen. Und zwar nicht, um sich etwas zu beweisen oder gar um Gott einen Gefallen zu tun. Sondern aus der Überzeugung heraus, dass diese Welt ohne die Stimme der Menschen, die sich zu Gott halten, keine gute Entwicklung nimmt. Denn wenn wir nicht Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit immer wieder praktizieren, leben und auch ins Gespräch bringen, werden sich Wissen, Macht und Reichtum immer mehr verselbständigen; es wird kälter und ärmer in dieser Welt. Wir glauben, dass wir ohne eine lebendige Verbindung zu unserem Schöpfer nicht überleben können. Wir glauben, dass wir ohne die Orientierung an dem, was Gott wichtig ist, nicht gut miteinander leben können. Wir glauben, dass wir Gott genau so brauchen wie die Luft, die wir atmen.
Wenn wir uns als Christen verstecken, Gespräche über unseren Glauben gekonnt umschiffen, selbst nicht richtig wissen, was wir glauben und wofür wir stehen, wenn wir uns als Christen nicht mehr einmischen in die Welt des Wissens, der Macht und des Reichtums, dann verlieren alle. Nehmen Sie das Wort Jesu mit: „Ihr seid das Salz der Erde; ihr seid das Licht der Welt.“ Das Salz muss in die Suppe, sonst schmeckt das Leben fad. Und wenn wir nicht das Licht Gottes in die Welt bringen, wird es dunkel. Jesus sagt: Ihr seid Salz und Licht für diese Welt. Ihr seid es. Ihr müsst es nicht erst werden. Lebt es einfach aus. Steht zu dem, was ihr seid. Versteckt euch nicht. Diese Welt braucht euch.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.
© Pfarrer Henner Eurich




