|
Predigt am 6. So nach Trinitatis - 04.07.2010
Gottes Gnade und Friede sei mit euch allen! Amen.
Der Predigttext steht im Matthäusevangelium: 6 Jesus kam nun mit seinen Jüngern an eine Stelle ´am Ölberg', die Getsemane genannt wird. Dort sagte er zu ihnen: »Setzt euch hier ´und wartet'! Ich gehe noch ein Stück weiter, um zu beten.« 37 Petrus jedoch und die beiden Söhne des Zebedäus nahm er mit. Traurigkeit und Angst wollten ihn überwältigen, 38 und er sagte zu ihnen: »Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir!« 39 Er selbst ging noch ein paar Schritte weiter, warf sich zu Boden, mit dem Gesicht zur Erde, und betete: »Mein Vater, wenn es möglich ist, lass diesen bitteren Kelch an mir vorübergehen! Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.« 40 Als er zu den Jüngern zurückkam, schliefen sie. Da sagte er zu Petrus: »Ihr konntet also nicht einmal eine einzige Stunde mit mir wach bleiben? 41 Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! Der Geist ist willig, aber die menschliche Natur ist schwach.« 42 Jesus ging ein zweites Mal weg und betete: »Mein Vater, wenn es nicht anders sein kann und ich diesen Kelch trinken muss, dann soll dein Wille geschehen.« 43 Als er zurückkam, waren sie wieder eingeschlafen; sie konnten die Augen vor Müdigkeit nicht offen halten. 44 Er ließ sie schlafen, ging wieder weg und betete ein drittes Mal dasselbe Gebet. 45 Dann kehrte er zu den Jüngern zurück und sagte: »Wollt ihr noch länger schlafen und euch ausruhen? Seht, die Stunde ist da, in der der Menschensohn in die Hände der Sünder gegeben wird. 46 Steht auf, lasst uns gehen! Der, der mich verrät, ist da.« (Matth. 26,36-46 - NGÜ)
„Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden." Ich glaube, das ist die schwierigste Bitte des Vaterunsers. Und ich bin auch noch lange nicht fertig mit dieser Bitte, mit dem Verstehen und mit dem Umsetzen. Wie ist das mit dem Willen Gottes: Muss ich mich einfach in alles fügen im Leben, akzeptieren, schlucken was Gott mir schickt? Und die andere Frage: wie erkenne ich Gottes Willen für mein Leben, wie kann ich seiner Führung folgen, mich auf ihn einlassen, anstatt nur mich selbst zu verwirklichen suchen?
„Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden." Martin Luther hat zu dieser Vaterunserbitte zunächst einmal festgestellt, dass Gottes Wille auch so geschieht, ohne unser Zutun und auch ohne unser Gebet. Was wäre das auch für ein Gott, der seinen Willen nicht verwirklichen kann? Was wäre das für ein Allmächtiger, der nicht durchsetzen kann, was er will?
Nun hat sich Gott aber eingelassen auf das „Risiko Mensch": er hat sich dazu entschlossen, ein Wesen zu erschaffen, das ihm ein echtes Gegenüber sein kann. Gott sucht Gemeinschaft mit den Menschen, er will einen Partner haben, zu dem er in Beziehung treten kann. Darum hat er den Menschen als freies Gegenüber erschaffen. Diese Freiheit des Menschen schließt auch die Freiheit zum Bösen mit ein. Und so vollzieht sich Gottes Willen in unserem Leben nicht so, als wären wir selbst willenlose Marionetten, an denen Gott die Fäden zieht, sondern so, dass wir in diesen Willen mit unserem Herzen einwilligen können - oder eben nicht.
Das wird deutlich an dem, wie Jesus gebetet hat: „Vater, wenn es nicht anders sein kann und ich diesen Kelch trinken muss, dann soll dein Wille geschehen." Offensichtlich gab es da eine gehörige Spannung zwischen dem Willen Jesu und dem Willen Gottes. Jesus hätte auch ausweichen können, davon bin ich überzeugt. Dieses Gebet in Gethsemane war die letzte Versuchung für ihn: die Versuchung, dem Plan Gottes auszuweichen und sich in Sicherheit zu bringen. Aber Jesus willigt ein; sein Wille und Gottes Wille werden eins.
Nun ist aber einem Missverständnis vorzubeugen: Wir Christen haben uns nicht einfach in alles einzufinden und einzuwilligen, was geschieht. Wir dürfen, ja wir müssen auch protestieren, zumal als protestantische Christen! Jesus hat auch nicht zu allem, was geschah, ja und Amen gesagt. Er hat auch den Mund aufgemacht und ist eingeschritten da, wo Unrecht geschieht, da wo Krankheiten Menschen kaputt machten, da wo der Tod ein Leben zu früh beendet, bei Lazarus etwa oder bei dem jungen Mann aus Nain oder dem Töchterchen des Jairus. Da hat Jesus sich nicht einfach in ein unabänderliches Schicksal gefügt und hat den Menschen nicht gesagt: „Das ist jetzt Gottes Wille, das müsst ihr jetzt akzeptieren!" Sondern er hat gegen das protestiert was geschah und hat es - im Namen Gottes! - abgeändert. Damit hat Jesus deutlich gemacht, dass wir nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert sind, sondern dem heilvollen Willen eines liebenden Vaters.
Ich denke, das ist die schwierige Aufgabe, vor die Jesus uns stellt mit dieser Bitte des Vaterunsers: zu erkennen, was Gottes Wille ist; diesen Willen dann auch anzunehmen und sich hinein zu fügen; aber auch im Namen Gottes zu protestieren an den Stellen, wo nicht sein Wille geschieht. Im Idealfall auch noch das eine vom anderen unterscheiden zu können, also die Situationen, wo ich mich fügen muss, und die, wo ich protestieren muss.
In einem Gedicht von Kurt Marti wird dieses Problem auf die Spitze getrieben:
"dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
dass gustav e. lips
durch einen Verkehrsunfall starb
erstens war er zu jung
zweitens seiner frau ein zärtlicher mann
drittens zwei kindern ein lustiger vater
viertens den freunden ein guter freund
fünftens erfüllt von guten ideen
.....
dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
dass einige von euch dachten
es habe ihm solches gefallen
im namen dessen der tote erweckte
im namen des toten der auferstand:
wir protestieren gegen den tod von gustav e. lips"
Meister der Sprache, der er ist, hat der berühmte Schweizer Pfarrer deutlich gemacht, dass wir nicht so schnell sein dürfen mit dem „dein Wille geschehe."
Jesus war auch nicht so schnell damit. Es heißt, er habe dreimal gebetet im Garten Gethsemane. Das ist in der Antike eine besondere Zahl: dreimal betete auch Paulus um Genesung und fand sich dann ein in den Willen Gottes, der für ihn bedeutete, dass er nicht von seiner schweren Krankheit geheilt wurde. Wir könnten heute vielleicht sagen: Jesus hat alles versucht, hat mit Gott gerungen, Paulus genauso: alles versucht, protestiert - und erst zuletzt sich eingefunden in den Willen Gottes, eine Antwort bekommen von Gott.
Es ist daher nicht unbedingt besonders fromm, sich immer gleich und sofort einzufinden, sich mit allem und allen abzufinden, denn an vielen Stellen müssen wir protestieren, und das im Namen Gottes!
Es ist nicht Gottes Wille, wenn Menschen sich gegenseitig das Leben schwer machen; Männer ihren Frauen, Frauen ihren Männern, Geschwister untereinander. Es ist nicht Gottes Wille, und man muss und man darf sich nicht einmal damit abfinden. Man muss und man darf dagegen aufbegehren, darf auch aus unguten, vielleicht gewaltbelasteten Beziehungen ausbrechen, darf sich schützen. Eine schlechte Ehe, ein Familienstreit, ein Nachbarschaftsstreit ist kein Los, das man als Schicksal annehmen muss, sondern eine Aufgabe, an der man arbeiten und ein Zustand, gegen den man aufbegehren muss, vielleicht auch mit Hilfe von außen.
Es ist nicht Gottes Wille, wenn Menschen klein gehalten und unterdrückt werden, wenn sie nicht gefragt und über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Da darf man sich nicht damit abfinden, da muss man als Christ protestieren dagegen. Das „Gottesgnadentum" hatten wir früher mal. Heute haben wir gewählte Volksvertreter; was diese tun, ist nicht immer richtig, und es ist christliche Bürgerpflicht, Unrecht auch als solches zu benennen und dagegen vorzugehen.
Es ist nicht Gottes Wille, dass Menschen Not leiden; wir müssen und dürfen ihnen dann nicht predigen: „Das ist Gottes Wille, dass ihr Hunger habt und friert und traurig seid", sondern da müssen wir sie sättigen und wärmen und trösten und so gegen die Not protestieren im Namen Gottes.
In der Vaterunserbitte wird das an einer Stelle sehr deutlich, wo es heißt: „wie im Himmel so auf Erden." Da wird ein Unterschied gemacht zwischen dem Himmel und der Erde. Der Himmel - nicht der Wolkenhimmel, nicht der Sternenhimmel, sondern der Ort, die Dimension Gottes, Gottes unsichtbare Welt, die uns umgibt - der Himmel ist ein Ort, wo Gottes Wille uneingeschränkt schon jetzt geschieht. Die Erde ist unser Ort; es ist der Ort, wo Gottes Wille sich auch vollzieht, aber wo er sich noch nicht vollendet hat, noch nicht erfüllt ist. Auch hier dürfen wir getrost sein, dass nichts, was wir erleben, an Gottes Thron vorbei geht; aber wir leben noch nicht in der Erfüllung, wir leben erst im Vorletzten. Auf dieser Erde muss sich Gottes Wille noch durchsetzen gegen Sünde und Tod, gegen Leid und Schmerzen, gegen Hass und Gewalt, gegen Zweifel und Unglaube. Diese Vaterunserbitte richtet also unseren Blick wieder auf das kommende Gottesreich, von dem wir letzten Sonntag gesprochen haben: Wir strecken uns aus nach der kommenden Herrschaft Gottes, in der sich Gottes Wille vollendet und erfüllt hat auf der Erde wie im Himmel. Gottes Wille - wir könnten auch sagen: Gottes Plan - der steht eben zum Teil noch aus.
Und das Besondere daran, was auch gar nichts mit „sich fügen" zu tun hat: Wir dürfen und sollen mithelfen, dass Gottes Willen geschieht. Wir sollen seinen Willen tun. Jesus sagt: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter." (Markus 3,35) Paulus fordert uns auf: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene." (Römer 12,2) Das heißt: Wir sind berufen, Gottes Willen zu erkennen und zu tun. Wir helfen mit, dass sein Wille auf Erden geschieht. Dass Gottes Wille und unser Wille eins wird, dass wir wollen, was er will - das ist das Ziel.
Meistens sind unsere Gebete genau anders herum ausgerichtet: Wir sagen Gott, was wir wollen, und bitten ihn, dass er wollen soll, was wir wünschen. Die dritte Bitte des Vaterunser ist genau umgekehrt ausgerichtet: dass wir wollen, was er will, das ist der Inhalt dieses Gebetes. Dass unser Herz mit seinem schlägt. Dass seine Ziele unsere Ziele werden. So werden wir mithelfen, dass Gottes Wille verwirklicht wird, dass er auch auf Erden geschieht.
Das haben wir schon bei der ersten Bitte des Vaterunsers gesehen: dass das Gebet ins Handeln einmündet. Gebete machen uns nicht tatenlos, das berühmte „die Hände in den Schoß legen" ist das nicht, wenn wir mit Jesus das Vaterunser beten. Wir werden zu Gehilfen Gottes, zu seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wenn wir uns einfügen in seinen Willen.
Wie wir diesen Willen Gottes für unser Leben erkennen können? Das wäre ein eigenes Thema. Heute nur ein paar Stichworte dazu: Die Bibel ist ein wichtiger Schlüssel, um Gottes Willen zu erkennen; die Gebote Gottes reden sehr deutlich von dem, was Gott will; unser Gewissen kann uns auch hier und da den Weg zeigen; das Gebet und das Hören auf die leise Stimme von Gottes Heiligem Geist gehört auch hierher; und, nicht zuletzt: das Gespräch und das gemeinsame Gebet mit Schwestern und Brüdern in der Gemeinde, denn das, was Gott will, erschließt sich oft nicht einem frommen Einzelgänger, sondern wird in der Gemeinde zusammen herausgefunden; das kann man in der Apostelgeschichte schön nachvollziehen.
Hier noch mal die kurze Zusammenfassung:
- Gottes Wille macht uns nicht zu Marionetten, sondern Gottes Wille und unser Wille sollen zusammenfinden.
- Das heißt nicht: alles akzeptieren, sich immer fügen, immer zustimmen; sondern es kann auch heißen: protestieren, Widerstand leisten, sich auflehnen im Namen Gottes.
- Unsere Aufgabe ist: erkennen, wo ich mich einfügen muss und wo ich mich auflehnen muss, das eine vom anderen unterscheiden zu können.
- Unsere Würde ist: wir dürfen Gottes Willen mit verwirklichen, ihn in die Tat umsetzen, betend handeln, Mitarbeiter und Gehilfen Gottes sein.
- Dabei gibt Gott uns viele Hilfen an die Hand, damit wir seinen Willen nicht verfehlen, sondern ihn erkennen und tun können.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.
© Pfarrer Henner Eurich, Eifa |