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Predigt am 06. Sonntag nach Trinitatis - 11.07.2010
Gottes Gnade und Friede sei mit euch allen! Amen.
Der Predigttext steht in Markus 6: 30 Und die Apostel kamen bei Jesus zusammen und verkündeten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 31 Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen. 32 Und sie fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein. 33 Und man sah sie wegfahren, und viele merkten es und liefen aus allen Städten zu Fuß dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor. 34 Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing eine lange Predigt an. 35 Als nun der Tag fast vorüber war, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Es ist öde hier und der Tag ist fast vorüber; 36 lass sie gehen, damit sie in die Höfe und Dörfer ringsum gehen und sich Brot kaufen. 37 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Und sie sprachen zu ihm: Sollen wir denn hingehen und für zweihundert Silbergroschen Brot kaufen und ihnen zu essen geben? 38 Er aber sprach zu ihnen: Wie viel Brote habt ihr? Geht hin und seht! Und als sie es erkundet hatten, sprachen sie: Fünf und zwei Fische. 39 Und er gebot ihnen, dass sie sich alle lagerten, tischweise, auf das grüne Gras. 40 Und sie setzten sich, in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. 41 Und er nahm die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel, dankte und brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie unter ihnen austeilten, und die zwei Fische teilte er unter sie alle. 42 Und sie aßen alle und wurden satt. 43 Und sie sammelten die Brocken auf, zwölf Körbe voll, und von den Fischen. 44 Und die die Brote gegessen hatten, waren fünftausend Mann.
„Unser tägliches Brot gib uns heute." - In unserer Reihe über das Vaterunser befinden wir uns heute an einem Übergang, an einer Nahtstelle: Während die ersten drei Bitten des Vaterunser sich auf Gottes Anliegen beziehen - dein Name, dein Reich, dein Wille - geht es nun um unsere Anliegen: unser tägliches Brot. Und während es in den ersten drei Bitten um geistliche Dinge ging, geht es nun in der vierten Bitte um anscheinend ganz weltliche Dinge, um das tägliche Brot, um Lebensmittel.
Es ist mir erst einmal wichtig, das fest zu halten: Indem Jesus uns das Vaterunser gibt, bindet er Gottes Anliegen und unsere Anliegen ganz fest zusammen, und er bindet geistliches und weltliches ganz fest zusammen. Es ist untrennbar verbunden!
Gottes Anliegen und unsere Anliegen gehören zusammen. Das heißt doch: wenn wir beten, dann nimmt Gott unsere menschlichen, kleinen Dinge ganz ernst. Das ist für ihn nicht unwürdig oder überflüssig, sondern das gehört in die Mitte des Gebetes, so wie die Brotbitte genau in der Mitte des Vaterunser steht. Gott hat ein Ohr für unsere ganz einfachen, menschlichen Bedürfnisse! Ob uns das immer noch so bewusst ist?
Wenn wir krank sind, laufen wir zum Arzt - oder ist das Gebet der erste Schritt, einfach mit diesem Grundbedürfnis nach gesundheitlichem Wohlbefinden zu Gott zu kommen? Martin Luther hat im Kleinen Katechismus deutlich gemacht, dass das tägliche Brot viel mehr umfasst als nur Backwaren: das Brot steht sinnbildlich für alle unsere menschlichen Grundbedürfnisse, für alles das, was wir einfach zum Leben brauchen: Essen und Trinken, Kleider und Schuhe, Wohnung und Familie, Schlaf und Gesundheit, Lohn und Frieden, Sie können das jetzt für sich ergänzen. Das Brot steht für das, was wir zum Leben grundlegend brauchen. Angeblich kann man, wenn man nichts zum Essen hat außer Brot, davon leben, es versorgt einem mit allem, was man braucht. Das kann man von, sagen wir: Gummibärchen, Wiener Schnitzel oder Zitronen nicht gerade sagen. Darum ist das Brot ein Symbol: es steht für das, was wir zum Leben grundlegend brauchen. Nicht für Luxus, nicht für Schnickschnack, sondern für das Grundlegende. Und genau das steht in der Mitte des Vaterunser, an herausgehobener Stelle! Das sagt sowohl etwas über Gott aus, als auch über uns:
Was Gott betrifft, wird mir dadurch deutlich gemacht: Gott ist das tägliche Brot wichtig, es ist Gott wichtig, dass unsere grundlegenden Bedürfnisse gestillt werden, er will darum gebeten sein, er will sich damit befassen. Gott interessiert sich für die ganz einfachen Dinge, die mein Leben betreffen, er will, dass ich mit ihm darüber spreche, ob ich gesund bin oder krank, ob ich mich glücklich fühle oder niedergeschlagen, ob ich müde bin oder fit, ob ich verliebt bin oder bekümmert. Gott will mit mir reden über Essen und Trinken, über mein Körpergewicht, über meinen Blutdruck, über die Pubertät, über Kindererziehung, über Sex und über meinen Umgang mit Alkohol, über das Altwerden, über die Pflegeversicherung. Gott will mit mir reden über meine Zeiteinteilung und meine Arbeitsbelastung, über Stress und über Nachbarschaftsstreit, über das Grillfest und über die Fußball-WM.
Denken Sie nicht, Sie müssten Ihr Gebet frei halten von all diesen ganz einfachen, menschlichen, echten Bedürfnissen und Interessen, ganz im Gegenteil: Jesus hat die Brotbitte in die Mitte seines Gebetes gestellt; unsere Bedürfnisse und unsere Anliegen sind Gott wichtig, sie sind nicht trivial!
Das sagt so viel über Gottes Art aus: Er ist nicht allein der große König und Herrscher, der er auch ist, und als den wir ihn anbeten, wenn wir bitten: dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe. Sondern er ist eben auch der Vater, der liebende Vater, der sich herabneigt zu seinen Kindern, mit ihnen sich auf Augenhöhe begibt, ihnen so seine Liebe zeigt.
Woran erkennt man die Größe eines Königs? Woran würde man einen König erkennen, der wirklich groß, wirklich einzigartig, wirklich besonders ist? Wenn er groß tut? Groß aufmarschieren lässt? Sich mit Pomp und Prunk und Gold und Silber umgibt? Das doch eher nicht; das ist sozusagen „normal" für einen König, so was erwarten wir. Was wir nicht erwarten würden, sind Gesten der Barmherzigkeit; ein König, der sich den einfachen Menschen zuwendet, sie ernst nimmt, ihnen begegnet - das ist ein König! Als die amerikanische First Lady Michelle Obama beim ersten Empfang im Buckingham Palace der Queen freundschaftlich die Hand auf die Schulter legte - welch ein Frevel, eine Königin darf man doch nicht berühren! - da hat die Queen ganz souverän die Umarmung erwidert, was natürlich völlig gegen das Protokoll war, aber was deutlich machte, dass sie die Nähe nicht ablehnt, sondern sucht. Das war eine große Geste, finde ich.
Unser Gott, unser himmlischer Vater geht noch viel weiter: Er wurde Mensch, er wurde einer von uns; er hat all die Bedürfnisse nach Essen und Schlaf und nach Gesundheit und Geborgenheit genau so empfunden wie wir. Jesus in der Krippe - Jesus am Kreuz: so ist Gott! Ich kann mir nicht vorstellen, wie Gott Ihre Bedürfnisse noch ernster nehmen könnte, als dass er das selbst einfach ganz genau so durchlebt wie Sie!
Können Sie das für sich annehmen: dass Sie Gott so wichtig sind, mit ihren ganz normalen, leiblichen, menschlichen Bedürfnissen? Das wird mir durch die Brotbitte über Gottes Wesen deutlich: dass er ein barmherziger Gott ist, der nicht über uns schwebt, sondern der uns und unsere Anliegen absolut wichtig nimmt.
Was mich als Menschen betrifft, wird mir durch die Brotbitte aber auch etwas über mich und über mein Wesen deutlich gemacht: Dein Glaube gehört nicht in himmlische Sphären, sondern der muss geerdet sein; dein Glaube gehört in deine ganz einfachen, menschlichen Dinge und Bedürfnisse hinein. Dein Glaube äußert sich nicht nur, wenn du in der Kirche singst und betest und meditierst; er soll sich auch äußern in dem, wie du deine ganz alltäglichen Dinge tust, ja wie du deinen Alltag gestaltest.
Christen sind Menschen, die die leiblichen Bedürfnisse bei sich selbst und bei anderen ganz wachsam wahrnehmen sollten. Es geht nicht, dass man einem Menschen predigt, und der hat eigentlich Hunger, dem knurrt der Magen. Es geht nicht, dass man über geistliche Dinge redet in der Kirche, aber die ganz praktischen Dinge werden ausgeklammert. Ich kann nicht meine menschlichen Bedürfnisse draußen an der Kirchentür abgeben und hier drin bin ich „geistlich". Aber auch nicht umgekehrt: Ich kann nicht hier fromm singen, aber dort draußen heidnisch schimpfen. Jesus möchte, dass unser ganzes Leben von unserer Beziehung zu Gott geprägt ist, auch die ganz leiblichen, weltlichen Dinge! Ich muss Gott mit nach draußen nehmen, wenn ich nachher wieder heimgehe, und ich muss mein wirkliches Leben mit nach hier drinnen nehmen und es nicht vor der Tür abgeben, wenn ich zur Kirche gehe!
Was geschieht, wenn ich das alles, meine ganz normalen Bedürfnisse und meine Sorgen, mit in mein Gebet nehme? Ich nehme dann das alles aus Gottes Hand dankbar und gesegnet an. Früher gab es einen Spruch, der ging so: „Wer ohn Gebet zu Tische geht und ohn Gebet vom Tisch aufsteht, der ist dem Ochs und Esel gleich und kommt nicht in das Himmelreich." Es gehört zu unserer Würde als Menschen, dass wir unser Leben, mit allem was dazu gehört, aus Gottes Hand annehmen. Gott schenkt den ungläubigen Menschen, die nicht beten, auch das tägliche Brot, vielen sogar im Überfluss. Dazu bräuchte er unser Gebet nicht unbedingt. Aber wir brauchen es! Damit wir unser Leben, wie es unserer menschlichen Würde entspricht, nicht einfach so herunterstürzen, sondern dankbar genießen, dankbar annehmen, dankbar erleben. Ich bin sogar überzeugt: Wenn du vorher betest, schmeckt dir das Essen besser! Weil es einen geistlichen Mehrwert erhält: Du nimmst es aus Gottes Hand, du nimmst es mitsamt dem Segen Gottes in dich auf; du wirst zu einem dankbaren Menschen, zu einem besonnenen Menschen, zu einem zufriedeneren Menschen.
Die Bitte um das tägliche Brot, wie Jesus sie formuliert hat, ist eigentlich die Bitte eines Tagelöhners; das waren die Menschen zu denen Jesus ging: die einfachen Leute. Die mussten jeden Tag neu sehen, wo sie ihr Brot für diesen einen Tag her bekamen, wo sie eine Anstellung fanden. Die konnten nicht wie die Reichen für eine ganze Woche backen. Die lebten in der ständigen Abhängigkeit von Gott.
In unserem Wohlstand ist das schwer nachzuvollziehen. Die Abhängigkeit von Gott sehen viele gar nicht mehr. Oder sie sehen sie erst, wenn es ans Sterben geht, und dann ist es oftmals zu spät. Das Vaterunser ist ein tägliches Gebet, jeden Tag ruft es mich in die Abhängigkeit von Gott, dass ich mich an ihn klammere, mich in seine Arme berge, zu ihm hinlaufe immer wieder, jeden Tag, nicht nur ab und zu. Dass ich mit meinen ganz einfachen Anliegen und Problemen zu ihm komme und mit ihm das bespreche, wie er das sieht, was er mir dazu zu sagen hat.
Was geschieht mit mir, wenn ich so ganz praxisorientiert bete, aus dem Leben heraus, ehrlich, echt? Wenn ich für meine Arbeitskollegen und meine Nachbarschaft bete, werde ich ihnen anders begegnen, da gebe ich Ihnen Brief und Siegel drauf. Tun Sie's einfach! Anstatt über diese „unmöglichen Menschen" zu meckern und zu schimpfen und zu klagen: Beten sie für genau diese Menschen um Gottes Segen, und beten Sie für sich selbst um ein gutes Arbeitsklima und ein gutes Verhältnis zu Ihren Nachbarn. Wenn Sie für Ihre Gesundheit beten, werden Sie achtsamer mit Ihrem Körper und Ihrer Seele umgehen. Wenn Sie für Ihren Ehepartner beten, werden Sie neue Geduld bekommen und eigene Fehler und Schuld sehen lernen. Wenn Sie für Ihre Kinder beten, werden Sie geduldiger werden und wieder sehen lernen, was Ihren Teenagern gerade wichtig ist, denn das sind deren Bedürfnisse, und die sind nicht unwichtig, weil Gott sie auch wichtig nimmt. Wenn Sie für Ihre Arbeit beten, werden Sie nach und nach ein neues Verhältnis zu Ihrer Arbeit gewinnen: gelassener vielleicht. Vielleicht wird Ihnen auch hier und da klar werden, dass Abschiede nötig sind, Veränderungen, Umgestaltungen. Das wird Gott Ihnen zeigen, wenn Sie bereit sind, die ganz einfachen, praktischen Dinge des Lebens vor ihm auszubreiten.
Gott ist ein barmherziger Gott, ein liebender Vater, der die Bedürfnisse seiner Kinder sieht und ernst nimmt. Und wir dürfen Kinder dieses Vaters sein, die mit allem, was sie betrifft, zu ihm kommen dürfen und erleben, wie er nach und nach ihrem Leben eine neue Farbe und neuen Glanz verleiht. „Unser tägliches Brot gib uns heute!"
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.
© Pfarrer Henner Eurich, Eifa |